Uns geht es gut, sehr gut sogar. Wir leben in der westlichen Welt in einer persönlichen Freiheit und Unabhängigkeit, um die uns viele beneiden. Es ist eine Freiheit in vielen Facetten: materielle Sicherheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Religionsfreiheit und vieles mehr. Generationen vor uns haben für diese Freiheit gekämpft – nicht nur mit Worten und Schriften, sondern auch unter dem Einsatz ihres Lebens. Aber was machen wir aus dieser Freiheit? Schätzen wir sie überhaupt noch oder ist sie uns vielleicht hingegen manchmal fast eine Bürde?
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses große Ausmaß an persönlicher Freiheit manchen unter uns Unbehagen bereitet. Wie sonst ist es zu erklären, dass mit mehr Freiheit paradoxerweise auch die Unverbindlichkeit gestiegen ist? Wer darauf baute, dass wir unsere Freiheit zu mehr Verantwortlichkeit nutzen, muss enttäuscht sein. Wir könnten mehr selbst entscheiden ohne Zwänge von außen, tun es aber nicht. Stattdessen herrscht Gleichgültigkeit und nimmt die Unverbindlichkeit zu.
Beinahe ängstlich blicken wir uns um nach anderen, die für uns entscheiden sollen. Sei es in Politik, Wirtschaft oder Kultur. Wo das nicht möglich ist, versuchen wir Probleme „auszusitzen“. Getreu dem Motto: Schauen wir einmal, dann sehen wir schon. Dabei sind doch – wie Dietrich Bonhoeffer so trefflich festhielt – Verantwortung und Freiheit miteinander korrespondierende Begriffe. Verantwortung setzt demnach sachlich – nicht zeitlich – Freiheit voraus, wie Freiheit nur in der Verantwortung bestehen kann.
Wir hören viel vom neuen Zeitalter der Digitalisierung, von Industrie 4.0. und sogenannter künstlicher Intelligenz. Ja, unsere Arbeitswelt wird sich dadurch ändern. Maschinen werden immer mehr der verbliebenen Routinearbeiten erledigen. Sie werden uns das Leben erleichtern – und neue Freiheiten bringen. Doch eine Kompetenz werden Computer, Roboter und künstliche Intelligenz uns nicht abnehmen: die Entscheidungskompetenz. Computer machen das, wozu wir sie befähigen und was wir ihnen beibringen. Damit wird in Zukunft die Kompetenz, Entscheidungen zu treffen, eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt werden. Wenn ich mich für etwas entscheide, übernehme ich zugleich Verantwortung. Gerade in Zeiten großer Unsicherheiten verlangt dies Mut. Denn sich zu entscheiden, muss nicht immer bedeuten, dass die eingeschlagene Richtung stimmt.
Aber wäre die Alternative – nämlich nicht zu entscheiden – besser? Wohl kaum: Stillstand und damit erst recht ein Zustand des Nichtwissens und der Unsicherheit wären die Folge. Konsequenterweise ist daher eine falsche Entscheidung immer besser als gar keine. Aber mit der richtigen Kombination von Vernunft, Logik und Intuition lässt sich das Risiko einer falschen Entscheidung erheblich reduzieren. Wie Wolf Lotter trefflich feststellt, hat Intuition nichts mit Esoterik und Geistheiler zu tun. Dieses Gespür setzt Vernunft voraus. Es beruht auf Erfahrung – und diese gewinnen wir aus richtigen wie falschen Entscheidungen. Damit schließt sich der Kreis.
Vielleicht haben wir in den letzten Jahrzehnten von Frieden und Wohlstand in Europa den Wert der persönlichen Freiheit vergessen. Besinnen wir uns dieser Freiheit und übernehmen wir wieder mehr Verantwortung für unser Tun.