Vom Scheitern

Das Prinzip „The winner takes it all“ ist beinhart. Wir kennen das aus Sport, Wirtschaft oder Politik. Ist jemand mit einer Sache erfolgreich, dann räumt er alle Lorbeeren ab – und es kann nur einen Sieger geben. Dies sei nun mal der Unterschied zwischen Erfolgs- und Bemühensprämien, wie mir der Vorstand eines großen Unternehmens vor vielen Jahren einmal erklärte. Die Erfolgsprämie ist in der Regel finanziell gut dotiert, für das Bemühen und Scheitern gibt es bestenfalls Mitleid und  tröstende Worte.

Es interessiert in den meisten Fällen auch niemanden wirklich, warum jemand anderer mit seiner Sache gescheitert ist. Ein Urteil ist aus externer Sicht schnell gefällt. Es ist ja auch bequemer, als sich mit den Hintergründen auseinanderzusetzen. Die Fakten liegen am Tisch. Die Zeitmessung im Sport, die Umsatz- und Gewinnzahlen im Unternehmen, die Ergebnisse am Wahlabend – sie alle lügen nicht.

Der Verlierer bleibt einsam zurück und muss sich oftmals noch sagen lassen, dass seine Sache ja ganz offensichtlich von vorhinein kaum Chancen auf Erfolg gehabt hätte. Der Einsatz, das Bemühen, Hoffen und Bangen wären eigentlich umsonst, ja sinnlos gewesen.

Doch greift diese Sichtweise zu kurz. Ja, es nicht schön mit seiner Tat zu scheitern. Aber Erfolg- oder Misserfolg ändern nichts am Inhalt der Tat. Denn eine Tat ist mehr als reine Betätigung. Die Tat ist ein bewusstes, begründetes und gewolltes Handeln mit Folgen. Zu Beginn steht der Entschluss, zu dem Franz Grillparzer sehr zutreffend festhielt: „Man sage nicht, das Schwerste sei die Tat, da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung. Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluss.“

Hat man seine Entscheidung bewusst, frei von äußeren Zwängen, seiner eigenen Überzeugung folgend getroffen und seine Tat dann ebenso durchgeführt, muss die Sache nicht mehr unbedingt gelingen, um erfolgreich zu sein. Erfolgreich vor einem selbst – und vielleicht nicht für andere mit Zahlen, Daten und Fakten messbar. Dann war sie nicht umsonst.

Das alles ist nicht einfach in einer vernetzten Welt, wo Menschen sich unabhängig von Ort und Zeit „virtuell“ begegnen und ihre Taten und Erfolge gegenseitig austauschen. Vielfach passiert dies wohl, um damit Einsamkeit in der „realen“ Welt zu kaschieren. Aber für wirklich bewusste Entscheidungen und Taten muss man bereit sein zur Einsamkeit. Denn sie sind für einen selbst notwendig – und nicht für andere.  Solche Taten werden nicht sinnlos, indem sie misslingen. Genau wie Arthur Schnitzler meinte: „Am Ende gilt doch nur, was wir getan und gelebt – und nicht was wir ersehnt haben.“

Gibt es Gott?

Es gibt Fragen, die einen immer wieder einholen, sich hartnäckig über Jahre immer wieder stellen. Man entkommt ihnen nicht, auch wenn sie lange Zeit untertauchen. Oder man glaubte, sie erfolgreich verdrängt zu haben.

Es sind jene Fragen, die man nicht in weitere kleinere Fragen teilen kann, wie es einen die Problemlöser und -experten regelmäßig nahelegen. Es funktioniert einfach nicht, weil man schon am Kern angelangt ist. Hier lässt sich nicht mehr um den Brei herum reden und philosophieren.

Eine diese Fragen ist für mich, ob es einen Gott gibt. Ich meine bewusst nicht den Gott. Denn soweit habe ich – zumindest für mich – bereits Klarheit gefunden, dass es wohl den allgemein gültigen „one and only god“ nicht geben dürfte. Dafür sind die Menschen und Religionen zu unterschiedlich. Für die Frage, ob es einen Gott gibt, ist das aber auch letztlich unerheblich. Im Kern ist sie für alle Religionen identisch.

Ich erinnere mich gut an einen Schulausflug in das österreichische KZ Mauthausen im Rahmen unseres Geschichtsunterrichts. Es war für mich ein prägender Tag. Ein Satz, der in ein Stockbett in den Unterkünften von einem KZ-Insassen eingeritzt worden war, ist mir seither nicht aus dem Kopf gegangen: „Wenn es einen Gott gibt, dann muss er mich um Verzeihung bitten.“ Ja, es ist schwer an die Existenz von Gott zu glauben, wenn man an diesem Ort des Grauens steht. Auch aktuelle Nachrichten von Krieg, Elend und Terror lassen uns bisweilen wohl daran zweifeln, dass es einen gütigen Gott gibt, der für Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit auf Erden sorgt.

In dieselbe Kerbe schlägt auch Herbert Grönemeyer, wenn er in dem seiner früh verstorbenen Frau gewidmeten Lied Der Weg meint: „Das Leben ist nicht fair.“ Ja, wie oft haben wir nicht den Eindruck, dass es das Leben nicht fair mit uns meint. Ja, dass Gott doch eingreifen müsste, doch nichts passiert.

Gleichzeitig gibt es aber auch so viele Momente, wo ich mir sicher bin, dass es da etwas geben muss, was über uns steht. Wenn ich in meinen geliebten Bergen bin und früh morgens auf den Sonnenaufgang blicke, fühle ich eine Art von Glückseligkeit, die mich darin bestärkt, dass es da etwas geben muss, was wir rational nicht erklären können. Wenn ich Zeit mit Menschen verbringen darf, die mir so lieb geworden sind, dass sie Gott geschickt haben muss.

Denke ich an die vielen schönen Orte auf dieser Erde, die ich bereits besuchen durfte, dann scheint bei deren Erschaffung eine fast magische Hand im Spiel gewesen zu sein. Wie sonst lassen sich die wunderbaren Dünen- und Wüstenlandschaften der Namib-Wüste erklären? Wie sonst sollen sich die Wiesen der Seiser Alm in die Südtiroler Dolomiten gebettet haben? Wie sonst sollen die norwegischen Fjorde entstanden sein?

Ich weiß, für all das wird es eine wissenschaftliche Erklärung  geben, werden frühere Ozeane, Eiszeiten und Gletscher als rationale Begründung herhalten. Aber das kann nur die halbe Wahrheit sein. Davor muss jemand für die Ozeane, Eiszeiten und Gletscher gesorgt haben. Ich weiß, es sind Fragen und Gedanken, wie sie sonst Kinder anstellen. Immer weiter fragen, immer tiefer. Bis zum Punkt, wo wir Erwachsene auch keine Antworten mehr haben.

Dann sind wir wieder an jenem Kern, der sich nicht weiter teilen lässt. Da ist sie wieder, die Frage, ob es da noch etwas gibt. Es ist eine Frage, auf die es keine allgemein gültige Antwort gibt, ja gar nicht geben kann. Jeder muss sich dieser Frage selbst stellen und keine Anleitung kann dabei helfen. Manche werden die Antwort für sich früh finden, andere vielleicht ihr Leben lang danach suchen.

Und ja, ich habe meine Antwort gefunden.