Irgendwann kann man es nicht mehr hören: künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, Zeitalter der Digitalisierung usw. Ja, alles hat seine Berechtigung und Bedeutung. Daran besteht wohl kein Zweifel. Woran ich aber nicht glauben kann und möchte, ist die Heilslehre von digitaler Kompetenz als die Conditio-sine-qua-non für die Zukunft.
Schauen wir uns doch um im privaten wie beruflichen Bereich. Ja, wir sind alle gefordert, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten. Ja, das Tempo von Veränderungen hat sich erhöht. Ja, es ist nicht alles gut, was neu ist. Aber was uns in Wahrheit doch fordert und manchmal zugegebenermaßen überfordert, ist doch die Schlagzahl der von uns geforderter Entscheidungen.
Das ganze Leben besteht aus Entscheidungen. Täglich treffen wir Tausende von Entscheidungen. Die weitaus überwiegende Anzahl bereits automatisch, weil wir aus der Vergangenheit gelernt haben und die Folgen unseres Handelns kennen. Ein weiterer Teil der Entscheidungen passiert intuitiv. Das Bauchgefühl lässt uns gewisse Dinge machen oder nicht. Was uns immer schon schwer gefallen ist, ist der verbleibende Teil, nämlich das bewusste Entscheiden für oder wider etwas. Je mehr Handlungsoptionen es gibt, je ungewisser die Folgen sind, desto häufiger zaudern wir.
Es ist doch geradezu paradox: Wir haben Zugriff auf so viel Wissen wie keine Generation vor uns und sind doch wie gelähmt, daraus bewusste eigene Entscheidungen für unser Handeln abzuleiten. Stattdessen rufen wir nach dem Staat, der wieder mal etwas regeln soll. Wir schauen, was andere um uns herum machen. Uns scheint die Kraft zu fehlen, uns selbst ein Bild machen zu wollen, das Für und Wider abzuwägen, daraus unsere eigenen Schlüsse zu ziehen. Diese Energie haben wir oft damit vergeudet, nach Vorbildern Ausschau zu halten, an denen wir uns orientieren können. Was daraus folgt, ist die traurige Tatsache, dass wir eine weiter Kopie eines Originals werden, aber nicht mehr wir selbst sind. Zufrieden kann uns das langfristig nicht machen. Um zu sich selbst zu finden, muss man eigenständig Entscheidungen treffen, aus den Folgen lernen und daran reifen.
Überhaupt keine Entscheidung zu treffen, ist keine wirkliche Alternative. Da schon lieber eine falsche Entscheidung. Denn diese bringt mir zumindest eine neue Erkenntnis. Was wir in der Zeit der unendlichen Handlungsalternativen daher wirklich brauchen werden, ist die Kompetenz, Entscheidungen zu treffen. Mut und Zuversicht sind schon mal gute Voraussetzungen dafür. Jammern und Zaudern eher nicht.