Das Leben ist nicht fair

In dem von Herbert Grönemeyer seiner an Krebs verstorbenen Frau gewidmeten Lied „Der Weg“ gibt es eine Passage, die mir regelmäßig in Erinnerung kommt. Sie lautet: Das Leben ist nicht fair. Eine kurze, klare Aussage, an die ich oft denken muss. Doch – stimmt sie denn auch? Glauben oder vielmehr hoffen wir denn nicht insgeheim alle, dass es irgendwo am Ende im Großen und Ganzen doch noch fair zugeht? Wenn wir am Ende unseres Lebens Bilanz ziehen, wird es passen, wird doch alles einen Sinn gehabt haben, oder?

Niemand wird diese Frage beantworten können, bevor er nicht selbst davor steht, einen Strich zu ziehen und seinem Leben ein Abschlusszeugnis zu geben. Wie gut es dabei doch ist, dass wir nie wissen, wann dieser Tag der Zeugnisverteilung gekommen ist. Wir haben somit jeden Tag die Möglichkeit, unsere Bilanz zu verbessern. Wie der gute Kaufmann Reserven und Rücklagen schafft für schlechtere Zeiten, können wir dies auch für unsere Lebensbilanz machen. Welch beruhigender und schöner Gedanke, denn es liegt in unseren Händen, an der Bilanz zu arbeiten. Wir bestimmen, was die Vermögenswerte in unserer Lebensbilanz sind. Immaterielle Werte wie Familie, Freunde, schöne Erinnerungen haben dabei einen entscheidenden Vorteil: Sie nutzen sich nicht ab. Materielle Dinge wie Haus, Wohnung, Auto werden hingegen über ihre Nutzungsdauer abgeschrieben – wie in der echten Unternehmensbilanz.

Gleichzeitig wird es sie immer geben. Die Schicksalsschläge und unfairen Situationen, die uns das Leben schwer machen. Es ist letztlich aber auch nicht wichtig, ob wir eher meinen, es wäre alles Zufall im Leben, oder wir hingegen dazu tendieren, allem einen Sinn zu geben. Egal, denn was bleibt, ist das Faktum, dass das Leben oft nicht fair ist. Konzentrieren wir uns daher auf jene Lebensbilanzposten, die wir aktiv gestalten können. Der Rest liegt im Ungewissen. Und das ist gut so.

 

Über den Mut

Mit dem Mut ist es so eine Sache. Mut zu beschreiben, klingt einfach. Viele Beispiele gehen einem dabei durch den Kopf: von frühen Entdeckern, die in die Ungewissheit der Weite der Meere gestartet sind, um neue Länder zu entdecken, von Extremsportlern, die sich von Bergen in die Tiefe stürzen, von Menschen, die ihren sicheren Job aufgeben, um sich als Unternehmer zu probieren.

Doch was der eine mutig findet, mag der andere schon als nicht mehr so toll empfinden. Mut ist wohl etwas ganz Subjektives. Deswegen kann ich jemand anderem meinen Mut auch nicht gleichsam weitergeben. Objektiven Mut werden wir vergeblich suchen. Wie Michael Lehofer in seinem Buch „Mit mir sein“ sehr zutreffend schreibt, ist Mut immer eine Handlung gegen die Angst. So individuell die Ängste der Menschen sind, so speziell verhält es sich auch mit dem Mut.

Betrachtet man Mut unter diesen Gesichtspunkten, sind die wahrlich Mutigen vielleicht ganz andere, als wir auf den ersten Blick annehmen würden. Es sind nicht die, die am lautesten schreien. Es sind die Leisen, die bereit sind, sich auch gegen den Mainstream zu stellen. Jene, die ihre Überzeugungen auch dann vertreten, wenn sie Angst haben müssen, damit ausgegrenzt zu werden. Einsamkeit zählt zu den größten Ängsten. Trotzdem sein eigenes Ding zu machen, zeugt von wahren Mut.