Orientierung

Wie anders die Welt doch von oben aussieht! Einer meiner ersten Gedanken, als ich vor Jahren meinen ersten Schnuppermitflug mit einer kleinen Propeller-Maschine machte. Was vom Boden vertraut sein mag, erschien aus ganz anderer Perspektive neu und fremd. Es dauerte, bis ich markante Orientierungspunkte wie eine bekannte Autobahn fand.

Während meiner Ausbildung zum Privatpiloten kämpfte ich danach regelmäßig mit meiner sogenannten Nahfeldorientierung. Doch mit jedem Flug wurde mir die Umgebung um den Flugplatz vertrauter, auch wenn ich mir Ortsnamen kaum merken konnte. Wenn ich heute fliege, gehört mein iPad zur Standardausrüstung. Das GPS-System gibt mir Lage, Richtung und ein Gefühl der Sicherheit. Unabdingbar bleibt im Sichtflug dabei aber der kontinuierliche Abgleich mit der Landschaft draussen, gleichsam der Realitätscheck. Erst wenn Fiktion und Realität übereinstimmen, kann ich wirklich sicher sein, wo ich bin.

Es ist naheliegend zu fragen, was ich ohne GPS wohl machen würde. In mir bekannten Gegenden würde ich nach vertrauten Landschaftsmerkmalen wie Strassen, Flüsse oder Städte suchen und mich daran orientieren. Wahrscheinlich würde ich dann auch ohne physische Karte den Weg nach Hause finden. In unbekannten Gefilden wäre es wohl ähnlich. Ich würde nach Auto- oder Eisenbahnen, Flüssen, Seen oder markanten Bergen Ausschau halten. Ohne Papierkarte wäre es dann aber schon sehr schwer bis unmöglich, alleine ohne Flugsicherungsdienst eine Entscheidung zum richtigen Weiterflug zu treffen. Gemeinsam ist aber beiden Situationen – egal ob bekanntes Gebiet oder Neuland -, dass ich die Flughöhe erhöhen würde: Ich würde höher steigen, um einen besseren Überblick zu bekommen. Mich lösen von der Erde, um Abstand und weite Sicht zu gewinnen.

Mir scheint, dass es auch im Leben abseits der Fliegerei immer wieder Situationen gibt, in denen wir höher steigen sollten, uns in die Vogelperspektive begeben müssen und weite und freie Sicht benötigen. Die Hindernisse am Boden erscheinen kleiner, auch wenn sie das in der Realität nicht sind. Es hat sich nur unsere Perspektive darauf geändert. Vielleicht können wir Relationen aus der Ferne und einem anderen Blickwinkel anders und besser einordnen. Wir erkennen mitunter Zusammenhänge, die wir aus zu großer Nähe nicht sehen konnten. Die Höhe ermöglicht uns neue Orientierung. Wir finden im vertrauten Umfeld Anhaltspunkte, die uns ein Gefühl der Sicherheit geben. Und in neuem unbekannten Terrain haben wir noch etwas, das uns hilft. Es ist unser Kompass, der in der Höhe nicht von störenden Einflüssen und Hindernissen abgelenkt wird. Hier oben funktioniert er ungehindert. Wenn Du am Boden nichts Bekanntes mehr zur Orientierung findest, dann vertraue auf Deinen (inneren) Kompass. Im wirklichen Leben (fast) wie im Flugzeug.

Was Zuversicht mit 80% zu tun hat

Das Wort Zuversicht hat es heute schwer. Es klingt beinahe ein wenig altmodisch. In Zeit des beschleunigten Wandels dominieren doch Optimisten auf der einen und Pessimisten auf der anderen Seite. Dazwischen bleibt wenig Raum für anderes. Und überhaupt: ist Zuversicht denn ohnehin nicht gleich zu setzen mit Optimismus?

Vor einiger Zeit las ich eine Parabel von drei Fröschen, welche die Unterschiede zwischen Zuversicht, Optimismus und Pessimismus wunderbar illustriert: Drei Frösche fallen in einen Topf mit Milch. Der Pessimist denkt sich, es gibt ohnehin keine Rettung mehr, gibt auf und ertrinkt. Der Optimist sieht das ganz anders und vertraut darauf, dass Gott ihn rettet. Er wartet und wartet. Am Ende ertrinkt auch er. Der dritte Frosch ist der zuversichtliche. Er analysiert die Lage, stellt fest, dass sie schwierig ist und beschließt zu strampeln, damit er nicht untergeht. Er strampelt und strampelt. Es dauert seine Zeit, aber letztlich wird die Milch zu Butter und der zuversichtliche Frosch rettet sich mit einem Sprung aus dem Topf.

Ich gestehe, dass auch ich immer wieder mal eine Portion Zuversicht gebrauchen kann. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass ich dazu neige, alles zu 100% perfekt machen zu wollen. Ganz nach dem Motto: Wenn schon, denn schon! Mir kommen allerdings immer öfter Zweifel, ob diese Einstellung wirklich das Gelbe vom Ei ist. Nicht, dass ich etwas nachlässig machen will. Nein, es geht vielmehr darum, überhaupt mit etwas zu beginnen, wenn ich Bedenken habe, die 100% zu erreichen. Die Folge ist häufig, dass ich in meinen Träumen verbleibe.

Wie ich kürzlich wieder mal mit meinem Zaudern haderte, erreichte mich eine Nachricht meines Cousins Maik Vukan. Sie war kurz und knackig: „Besser nur 80%ig machen als 100%ig nur träumen.“ Diese Nachricht traf genau den Punkt. Zuversicht kommt durch das Machen und Tun. Dabei geht es gar nicht mehr darum, dass das Ziel zu 100% erreicht wird. Der Sinn liegt im Beginnen und Machen. Und da schließt sich der Kreis zur zur Parabel mit den Fröschen. Zuversicht erfordert Tun. Von 100% Zielerreichung ist nirgends die Rede.

PS: Maik Vukan ist übrigens einer, der „einfach mal macht“. Wie und was er da genau tut, findet man unter: http://www.aworldfullofstories.com

Die Frage nach dem Sinn

Unzählige Bücher, Seminare, Berater und Gurus beschäftigen sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Stunden, Tage, Wochen und Jahre lassen sich damit füllen. Scheint eine Antwort gefunden, ist deren Halbwertszeit oft nur kurz. Die Realität des Lebens, das Faktische und Unvermeidliche, testet die neuen Sinnbilder ohne jede Sentimentalität.

Die geschützte Welt des Denken und Grübeln ist auch immer ein Stück heile Welt, in der wir experimentieren können, ohne großen Schaden anzurichten oder selbst zu erleiden. Nur so funktioniert die Welt außerhalb unserer Gedanken und Überlegungen nun einmal nicht. Diese „andere“ Welt – die Realität – fordert Entscheidungen und Handeln von uns. Sie erwartet Antworten. Für manche gibt sie uns eine längere Frist, lässt uns Zeit für eine Nachdenkpause und Gedankenexperimente. Andere Antworten braucht sie sofort ohne zu zögern.

Diese konkreten Fragen, die uns das Leben fortwährend stellt, sind für jeden einzigartig.  Jeder Mensch lebt in einer ganz individuellen Lebenssituation, verfügt über ein einzigartiges Schicksal. Und so ist es mit diesen konkreten Fragen, die sich uns ohne Unterlass stellen. Die kleinen Fragen des täglichen Lebens und die großen, richtungsweisenden Entscheidungen sind so individuell wie unsere jeweiligen Lebenssituationen.

Vor diesen Fragen der Lebensrealität können wir nicht davonlaufen. Vielleicht gewinnen wir Zeit, in dem wir manche Antworten aufschieben. Das Leben vergisst aber keine der Fragen. Und keine Antwort ist auch eine Antwort, denn dann entscheiden andere für uns – ob wir wollen oder nicht. Wenn man dies verinnerlicht, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass der Sinn des Lebens nicht im Nachdenken und Grübeln liegen kann.

Machen wir uns keinen schweren Kopf mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Das Leben gibt uns die Antwort nämlich in jedem Moment unseres Seins, in dem wir auf die konkreten Anforderungen unserer eigenen Lebenssituation Antworten finden. Der Sinn des Lebens liegt in diesem eigenverantwortlichen Entscheiden und Handeln.

 

 

 

Das Leben ist nicht fair

In dem von Herbert Grönemeyer seiner an Krebs verstorbenen Frau gewidmeten Lied „Der Weg“ gibt es eine Passage, die mir regelmäßig in Erinnerung kommt. Sie lautet: Das Leben ist nicht fair. Eine kurze, klare Aussage, an die ich oft denken muss. Doch – stimmt sie denn auch? Glauben oder vielmehr hoffen wir denn nicht insgeheim alle, dass es irgendwo am Ende im Großen und Ganzen doch noch fair zugeht? Wenn wir am Ende unseres Lebens Bilanz ziehen, wird es passen, wird doch alles einen Sinn gehabt haben, oder?

Niemand wird diese Frage beantworten können, bevor er nicht selbst davor steht, einen Strich zu ziehen und seinem Leben ein Abschlusszeugnis zu geben. Wie gut es dabei doch ist, dass wir nie wissen, wann dieser Tag der Zeugnisverteilung gekommen ist. Wir haben somit jeden Tag die Möglichkeit, unsere Bilanz zu verbessern. Wie der gute Kaufmann Reserven und Rücklagen schafft für schlechtere Zeiten, können wir dies auch für unsere Lebensbilanz machen. Welch beruhigender und schöner Gedanke, denn es liegt in unseren Händen, an der Bilanz zu arbeiten. Wir bestimmen, was die Vermögenswerte in unserer Lebensbilanz sind. Immaterielle Werte wie Familie, Freunde, schöne Erinnerungen haben dabei einen entscheidenden Vorteil: Sie nutzen sich nicht ab. Materielle Dinge wie Haus, Wohnung, Auto werden hingegen über ihre Nutzungsdauer abgeschrieben – wie in der echten Unternehmensbilanz.

Gleichzeitig wird es sie immer geben. Die Schicksalsschläge und unfairen Situationen, die uns das Leben schwer machen. Es ist letztlich aber auch nicht wichtig, ob wir eher meinen, es wäre alles Zufall im Leben, oder wir hingegen dazu tendieren, allem einen Sinn zu geben. Egal, denn was bleibt, ist das Faktum, dass das Leben oft nicht fair ist. Konzentrieren wir uns daher auf jene Lebensbilanzposten, die wir aktiv gestalten können. Der Rest liegt im Ungewissen. Und das ist gut so.

 

Über den Mut

Mit dem Mut ist es so eine Sache. Mut zu beschreiben, klingt einfach. Viele Beispiele gehen einem dabei durch den Kopf: von frühen Entdeckern, die in die Ungewissheit der Weite der Meere gestartet sind, um neue Länder zu entdecken, von Extremsportlern, die sich von Bergen in die Tiefe stürzen, von Menschen, die ihren sicheren Job aufgeben, um sich als Unternehmer zu probieren.

Doch was der eine mutig findet, mag der andere schon als nicht mehr so toll empfinden. Mut ist wohl etwas ganz Subjektives. Deswegen kann ich jemand anderem meinen Mut auch nicht gleichsam weitergeben. Objektiven Mut werden wir vergeblich suchen. Wie Michael Lehofer in seinem Buch „Mit mir sein“ sehr zutreffend schreibt, ist Mut immer eine Handlung gegen die Angst. So individuell die Ängste der Menschen sind, so speziell verhält es sich auch mit dem Mut.

Betrachtet man Mut unter diesen Gesichtspunkten, sind die wahrlich Mutigen vielleicht ganz andere, als wir auf den ersten Blick annehmen würden. Es sind nicht die, die am lautesten schreien. Es sind die Leisen, die bereit sind, sich auch gegen den Mainstream zu stellen. Jene, die ihre Überzeugungen auch dann vertreten, wenn sie Angst haben müssen, damit ausgegrenzt zu werden. Einsamkeit zählt zu den größten Ängsten. Trotzdem sein eigenes Ding zu machen, zeugt von wahren Mut.

 

Der Vergleich macht sie nicht zufriedener

Um es für alle, denen die Überschrift irgendwoher bekannt vorkommt, gleich mal vorwegzunehmen: Im Original lautet der Text „Der Vergleich macht sie sicher“ und ist ein langjähriger Siemens-Werbetext.

Mag es beim Kauf von Waschmaschinen so sein, liegt im – ständigen – Vergleich mit anderen Menschen wohl  einer der großen Stolpersteine am Weg zu einem zufriedenen Leben. In unzähligen Büchern und Ratgebern kann man es inzwischen nachlesen, dass das Vergleichen mit anderen gerade nicht dazu beiträgt, ein zufriedenes Leben zu führen.  Ganz im Gegenteil:  Neid engt unser Blickfeld ein und lenkt die Aufmerksamkeit auf andere anstatt auf uns.

Trotzdem tun wir es immer wieder. Bewusst wie unbewusst vergleichen wir uns. Mit den Ergebnissen beschäftigen wir uns dann mitunter tage- und wochenlang. Wir grübeln, regen uns auf und suchen nach Gründen, warum etwas nicht so sein kann, wie es ist. Überhaupt, es sei doch alles nicht fair.

Wer kennt diese Gedanken nicht, wie unfair die Welt doch sei.  Aber bevor wir abgleiten in eine Diskussion über Fairness, nochmals einen Schritt zurück. Gehen die meisten unserer Vergleiche mit anderen Menschen nicht zu kurz? Kennen wir wirklich alle Facetten vom Leben derer, mit denen wir uns vergleichen? Denn für einen umfassenden Vergleich, der eine fundierte Schlussfolgerung zulassen würde, bilden wir unser Urteil in den allermeisten Fällen wohl viel zu früh und leichtfertig. Macht und Geld bedeuten nichts, wenn man im Alter ohne Freunde und Familie ist. Ein vermögender Unternehmer im Ruhestand drückte es einmal  sehr treffend aus: „Mein Porsche kommt mich im Altersheim nicht besuchen.“

Wie kann es dann aber sein, dass wir von vorschnellen Betrachtungen und Einordnungen anderer unsere eigene Zufriedenheit abhängig machen? Und noch einen Gedanken weiter:  kein Mensch gleicht zu 100% einem anderen. Wir alle haben unterschiedliche Stärken und Schwächen. Wenn man dies bedenkt, dann läuft jeder Vergleich mit anderen zur Bestimmung der eigenen Zufriedenheit schon per se ins Leere.

Vielleicht ist es am Ende auch ganz einfach: Wenn wir uns mit anderen vergleichen, stellen wir eigentlich Äpfeln Birnen gegenüber. Zufriedenheit kann jeder nur für sich selbst definieren und nicht von anderen kopieren. Dafür muss man sich erst einmal mit sich selbst beschäftigen und herausfinden, was man im Leben wirklich will. Ein Blick auf andere Menschen kann ohne Zweifel den eigenen Horizont erweitern. Er kann einem aber nie die Entscheidung abnehmen, was für einen  richtig und gut ist. Das Original vergleicht sich nicht. Das tun nur Nachahmer und Neider. Zufriedener macht es sie nicht.

Die entscheidende Kompetenz

Irgendwann kann man es nicht mehr hören: künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, Zeitalter der Digitalisierung usw.  Ja, alles hat seine Berechtigung und Bedeutung. Daran besteht wohl kein Zweifel. Woran ich aber nicht glauben kann und möchte, ist die Heilslehre von digitaler Kompetenz als die Conditio-sine-qua-non für die Zukunft.

Schauen wir uns doch um im privaten wie beruflichen Bereich. Ja, wir sind alle gefordert, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten. Ja, das Tempo von Veränderungen hat sich erhöht. Ja, es ist nicht alles gut, was neu ist. Aber was uns in Wahrheit doch fordert und manchmal zugegebenermaßen überfordert, ist doch die Schlagzahl der von uns geforderter Entscheidungen.

Das ganze Leben besteht aus Entscheidungen. Täglich treffen wir Tausende von Entscheidungen. Die weitaus überwiegende Anzahl bereits automatisch, weil wir aus der Vergangenheit gelernt haben und die Folgen unseres Handelns kennen. Ein weiterer Teil der Entscheidungen passiert intuitiv. Das Bauchgefühl lässt uns gewisse Dinge machen oder nicht. Was uns immer schon schwer gefallen ist, ist der verbleibende Teil, nämlich das bewusste Entscheiden für oder wider etwas. Je mehr Handlungsoptionen es gibt, je ungewisser die Folgen sind, desto häufiger zaudern wir.

Es ist doch geradezu paradox: Wir haben Zugriff auf so viel Wissen wie keine Generation vor uns und sind doch wie gelähmt, daraus bewusste eigene Entscheidungen für unser Handeln abzuleiten. Stattdessen rufen wir nach dem Staat, der wieder mal etwas regeln soll. Wir schauen, was andere um uns herum machen. Uns scheint die Kraft zu fehlen, uns selbst ein Bild machen zu wollen, das Für und Wider abzuwägen, daraus unsere eigenen Schlüsse zu ziehen. Diese Energie haben wir oft damit vergeudet, nach Vorbildern Ausschau zu halten, an denen wir uns orientieren können. Was daraus folgt, ist die traurige Tatsache, dass wir eine weiter Kopie eines Originals werden, aber nicht mehr wir selbst sind. Zufrieden kann uns das langfristig nicht machen. Um zu sich selbst zu finden, muss man eigenständig Entscheidungen treffen, aus den Folgen lernen und daran reifen.

Überhaupt keine Entscheidung zu treffen, ist keine wirkliche Alternative. Da schon lieber eine falsche Entscheidung. Denn diese bringt mir zumindest eine neue Erkenntnis. Was wir in der Zeit der unendlichen Handlungsalternativen daher wirklich brauchen werden, ist die Kompetenz, Entscheidungen zu treffen. Mut und Zuversicht sind schon mal gute Voraussetzungen dafür. Jammern und Zaudern eher nicht.

Wider das Entweder-Oder

Du musst Dich entscheiden. Von klein auf wird man regelmäßig damit konfrontiert: Entweder das eine oder das andere. Beides geht nicht. Ist das wirklich so? Schließt eine Entscheidung das Sowohl-als auch immer aus?

Nein, ich denke nicht, dass hier ein Widerspruch vorliegt. Ganz im Gegenteil – in einem wohlüberlegten Sowohl-als auch kann viel Reiz liegen. Mir fällt dies regelmäßig auf, wenn ich mit interessanten Menschen zu tun habe. Diese zeichnen sich oftmals dadurch aus, dass sie auf den ersten Blick fast Widersprüchliches in sich vereinen. Auf der einen Seite beispielsweise hart kalkulierende Geschäftsleute, auf der anderen Seite ein Hobby, das so gar nicht in den Mainstream passt.

Was diese Menschen letztlich bei aller sonstiger Unterschiedlichkeit gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie sich bewusst für ein Sowohl-als auch entschieden haben. Das kann Zeit und Energie kosten, aber gleichzeitig viel Zufriedenheit und innere Ruhe bringen. Wenn ich diese Entscheidung nämlich einmal getroffen habe, werde ich meine Ressourcen bewusst so einteilen, dass sich beides ausgeht. Das ist anders, als wenn ich zwar offiziell Entweder-oder sage, im Herzen aber eigentlich „vielleicht“ meine. Hier ist Stress und Unzufriedenheit vorprogrammiert.

Ein Sowohl-als auch ist möglich, wenn wir dazu stehen. Ohne schlechtem Gewissen – denn das Sowohl-als auch basiert auf einer bewussten Entscheidung.

Reiseflughöhe

Manchmal erinnert mich das Leben an einen Flug. Man geht davon aus, dass es ein Langstreckenflug bis ins hohe Alter sein wird, sicher kann man dabei aber nicht sein. Wie beim Fliegen ist der Start ins Leben wichtig und bedarf voller Leistung. Die Tanks sind gefüllt, die Triebwerke bringen 100% Schub. Dies alles ist vergleichbar mit der Situation zu Beginn des Berufslebens. Die Ausbildung ist gemacht, das theoretische Wissen vorhanden und motiviert ist man sowieso. Man will es ja wissen, man hat Pläne und Träume. Was allein noch fehlt, ist die Umsetzung in die Praxis.

Ist der Start geglückt, hat man erfolgreich abgehoben, liegt der Steuerknüppel in der eigenen Hand. Entlang vorgegebener Routen bewegt man sich weg vom Heimatflughafen und beginnt den Steigflug. Die Instrumente sind im grünen Bereich, das Wetterradar verspricht ein gutes Flugwetter. Es ist ein schönes Gefühl, denn es geht nach oben – ganz nach Plan liegt man stabil in der Luft. Man ist verleitet, auf Autopilot zu schalten. Das Ziel ist klar vor Augen, die Reiseflughöhe will erreicht werden.

Doch je höher man kommt, desto unruhiger wird die Fluglage. Unerwartete Turbulenzen tauchen auf. Manche Unwetter würde man gerne umfliegen, jedoch lassen die Fluglotsen keine andere Route zu. Auch die große Freiheit über den Wolken hat so ihre Grenzen. Also muss man durch Gewitterzonen, die heftig ausfallen können. Mit Entschlossenheit, Ausdauer und genauso Glück durchfliegt man diese. Das Ziel ist weiterhin, die geplante Reiseflughöhe zu erreichen. Am Weg nach oben gewöhnt man sich nun an unruhigere Wetterlagen und lernt damit umzugehen. Man hat an Erfahrung gewonnen.

Irgendwann ist die Reiseflughöhe erreicht. Man ist erleichtert, freut sich und denkt, nun wird es ruhiger werden. Man möchte die Triebwerksleistung zurücknehmen, um Treibstoff zu sparen, denn man weiß, dass der Flug noch nicht zu Ende ist. Doch aus dem geplanten entspannten Flug wird nichts. Es sind viele andere Flieger unterwegs. Nicht alle halten sich an die Regeln und geben klar ihre Position und Richtung zu erkennen. Es sind die Momente, in denen man realisiert, dass auch die Reiseflughöhe den Griff zum Steuerknüppel erfordert. Die Luft ist dünn geworden und weiterhin wird viel Schub benötigt. Wer von Beginn an in einem größeren Flieger mit entsprechend größeren Tanks gesessen ist, hat nun Vorteile. Er kann weiterhin vollen Schub geben. Kleinere Flieger müssen mit ihren Ressourcen haushalten und die Geschwindigkeit zurücknehmen. Manchmal müssen sie auch ihre geplante Reiseflughöhe wieder verlassen. Dabei haben sie aber einen Vorteil gegenüber den großen Fliegern: Sie sind flexibler und wendiger. In turbulenten Zonen kann das entscheidend sein. Wie im richtigen Leben.

Vom Scheitern

Das Prinzip „The winner takes it all“ ist beinhart. Wir kennen das aus Sport, Wirtschaft oder Politik. Ist jemand mit einer Sache erfolgreich, dann räumt er alle Lorbeeren ab – und es kann nur einen Sieger geben. Dies sei nun mal der Unterschied zwischen Erfolgs- und Bemühensprämien, wie mir der Vorstand eines großen Unternehmens vor vielen Jahren einmal erklärte. Die Erfolgsprämie ist in der Regel finanziell gut dotiert, für das Bemühen und Scheitern gibt es bestenfalls Mitleid und  tröstende Worte.

Es interessiert in den meisten Fällen auch niemanden wirklich, warum jemand anderer mit seiner Sache gescheitert ist. Ein Urteil ist aus externer Sicht schnell gefällt. Es ist ja auch bequemer, als sich mit den Hintergründen auseinanderzusetzen. Die Fakten liegen am Tisch. Die Zeitmessung im Sport, die Umsatz- und Gewinnzahlen im Unternehmen, die Ergebnisse am Wahlabend – sie alle lügen nicht.

Der Verlierer bleibt einsam zurück und muss sich oftmals noch sagen lassen, dass seine Sache ja ganz offensichtlich von vorhinein kaum Chancen auf Erfolg gehabt hätte. Der Einsatz, das Bemühen, Hoffen und Bangen wären eigentlich umsonst, ja sinnlos gewesen.

Doch greift diese Sichtweise zu kurz. Ja, es nicht schön mit seiner Tat zu scheitern. Aber Erfolg- oder Misserfolg ändern nichts am Inhalt der Tat. Denn eine Tat ist mehr als reine Betätigung. Die Tat ist ein bewusstes, begründetes und gewolltes Handeln mit Folgen. Zu Beginn steht der Entschluss, zu dem Franz Grillparzer sehr zutreffend festhielt: „Man sage nicht, das Schwerste sei die Tat, da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung. Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluss.“

Hat man seine Entscheidung bewusst, frei von äußeren Zwängen, seiner eigenen Überzeugung folgend getroffen und seine Tat dann ebenso durchgeführt, muss die Sache nicht mehr unbedingt gelingen, um erfolgreich zu sein. Erfolgreich vor einem selbst – und vielleicht nicht für andere mit Zahlen, Daten und Fakten messbar. Dann war sie nicht umsonst.

Das alles ist nicht einfach in einer vernetzten Welt, wo Menschen sich unabhängig von Ort und Zeit „virtuell“ begegnen und ihre Taten und Erfolge gegenseitig austauschen. Vielfach passiert dies wohl, um damit Einsamkeit in der „realen“ Welt zu kaschieren. Aber für wirklich bewusste Entscheidungen und Taten muss man bereit sein zur Einsamkeit. Denn sie sind für einen selbst notwendig – und nicht für andere.  Solche Taten werden nicht sinnlos, indem sie misslingen. Genau wie Arthur Schnitzler meinte: „Am Ende gilt doch nur, was wir getan und gelebt – und nicht was wir ersehnt haben.“