Gibt es Gott?

Es gibt Fragen, die einen immer wieder einholen, sich hartnäckig über Jahre immer wieder stellen. Man entkommt ihnen nicht, auch wenn sie lange Zeit untertauchen. Oder man glaubte, sie erfolgreich verdrängt zu haben.

Es sind jene Fragen, die man nicht in weitere kleinere Fragen teilen kann, wie es einen die Problemlöser und -experten regelmäßig nahelegen. Es funktioniert einfach nicht, weil man schon am Kern angelangt ist. Hier lässt sich nicht mehr um den Brei herum reden und philosophieren.

Eine diese Fragen ist für mich, ob es einen Gott gibt. Ich meine bewusst nicht den Gott. Denn soweit habe ich – zumindest für mich – bereits Klarheit gefunden, dass es wohl den allgemein gültigen „one and only god“ nicht geben dürfte. Dafür sind die Menschen und Religionen zu unterschiedlich. Für die Frage, ob es einen Gott gibt, ist das aber auch letztlich unerheblich. Im Kern ist sie für alle Religionen identisch.

Ich erinnere mich gut an einen Schulausflug in das österreichische KZ Mauthausen im Rahmen unseres Geschichtsunterrichts. Es war für mich ein prägender Tag. Ein Satz, der in ein Stockbett in den Unterkünften von einem KZ-Insassen eingeritzt worden war, ist mir seither nicht aus dem Kopf gegangen: „Wenn es einen Gott gibt, dann muss er mich um Verzeihung bitten.“ Ja, es ist schwer an die Existenz von Gott zu glauben, wenn man an diesem Ort des Grauens steht. Auch aktuelle Nachrichten von Krieg, Elend und Terror lassen uns bisweilen wohl daran zweifeln, dass es einen gütigen Gott gibt, der für Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit auf Erden sorgt.

In dieselbe Kerbe schlägt auch Herbert Grönemeyer, wenn er in dem seiner früh verstorbenen Frau gewidmeten Lied Der Weg meint: „Das Leben ist nicht fair.“ Ja, wie oft haben wir nicht den Eindruck, dass es das Leben nicht fair mit uns meint. Ja, dass Gott doch eingreifen müsste, doch nichts passiert.

Gleichzeitig gibt es aber auch so viele Momente, wo ich mir sicher bin, dass es da etwas geben muss, was über uns steht. Wenn ich in meinen geliebten Bergen bin und früh morgens auf den Sonnenaufgang blicke, fühle ich eine Art von Glückseligkeit, die mich darin bestärkt, dass es da etwas geben muss, was wir rational nicht erklären können. Wenn ich Zeit mit Menschen verbringen darf, die mir so lieb geworden sind, dass sie Gott geschickt haben muss.

Denke ich an die vielen schönen Orte auf dieser Erde, die ich bereits besuchen durfte, dann scheint bei deren Erschaffung eine fast magische Hand im Spiel gewesen zu sein. Wie sonst lassen sich die wunderbaren Dünen- und Wüstenlandschaften der Namib-Wüste erklären? Wie sonst sollen sich die Wiesen der Seiser Alm in die Südtiroler Dolomiten gebettet haben? Wie sonst sollen die norwegischen Fjorde entstanden sein?

Ich weiß, für all das wird es eine wissenschaftliche Erklärung  geben, werden frühere Ozeane, Eiszeiten und Gletscher als rationale Begründung herhalten. Aber das kann nur die halbe Wahrheit sein. Davor muss jemand für die Ozeane, Eiszeiten und Gletscher gesorgt haben. Ich weiß, es sind Fragen und Gedanken, wie sie sonst Kinder anstellen. Immer weiter fragen, immer tiefer. Bis zum Punkt, wo wir Erwachsene auch keine Antworten mehr haben.

Dann sind wir wieder an jenem Kern, der sich nicht weiter teilen lässt. Da ist sie wieder, die Frage, ob es da noch etwas gibt. Es ist eine Frage, auf die es keine allgemein gültige Antwort gibt, ja gar nicht geben kann. Jeder muss sich dieser Frage selbst stellen und keine Anleitung kann dabei helfen. Manche werden die Antwort für sich früh finden, andere vielleicht ihr Leben lang danach suchen.

Und ja, ich habe meine Antwort gefunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Freiheit und Verantwortlichkeit

Uns geht es gut, sehr gut sogar. Wir leben in der westlichen Welt in einer persönlichen Freiheit und Unabhängigkeit, um die uns viele beneiden. Es ist eine Freiheit in vielen Facetten: materielle Sicherheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Religionsfreiheit und vieles mehr. Generationen vor uns haben für diese Freiheit gekämpft – nicht nur mit Worten und Schriften, sondern auch unter dem Einsatz ihres Lebens. Aber was machen wir aus dieser Freiheit? Schätzen wir sie überhaupt noch oder ist sie uns vielleicht hingegen manchmal fast eine Bürde?

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses große Ausmaß an persönlicher Freiheit manchen unter uns Unbehagen bereitet. Wie sonst ist es zu erklären, dass mit mehr Freiheit paradoxerweise auch die Unverbindlichkeit gestiegen ist? Wer darauf baute, dass wir unsere Freiheit zu mehr Verantwortlichkeit nutzen, muss enttäuscht sein. Wir könnten mehr selbst entscheiden ohne Zwänge von außen, tun es aber nicht. Stattdessen herrscht Gleichgültigkeit und nimmt die Unverbindlichkeit zu.

Beinahe ängstlich blicken wir uns um nach anderen, die für uns entscheiden sollen. Sei es in Politik, Wirtschaft oder Kultur.  Wo das nicht möglich ist, versuchen wir Probleme „auszusitzen“. Getreu dem Motto: Schauen wir einmal, dann sehen wir schon. Dabei sind doch – wie Dietrich Bonhoeffer so trefflich festhielt – Verantwortung und Freiheit miteinander korrespondierende Begriffe. Verantwortung setzt demnach sachlich – nicht zeitlich – Freiheit voraus, wie Freiheit nur in der Verantwortung bestehen kann.

Wir hören viel vom neuen  Zeitalter der Digitalisierung, von Industrie 4.0. und sogenannter künstlicher Intelligenz. Ja, unsere Arbeitswelt wird sich dadurch ändern. Maschinen werden immer  mehr der verbliebenen Routinearbeiten erledigen. Sie werden uns das Leben erleichtern – und neue Freiheiten bringen. Doch eine Kompetenz werden Computer, Roboter und künstliche Intelligenz uns nicht abnehmen: die Entscheidungskompetenz. Computer machen das, wozu wir sie befähigen und was wir ihnen beibringen. Damit wird in Zukunft die Kompetenz, Entscheidungen zu treffen, eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt werden. Wenn ich mich für etwas entscheide, übernehme ich zugleich Verantwortung. Gerade in Zeiten großer Unsicherheiten verlangt dies Mut. Denn sich zu entscheiden, muss nicht immer bedeuten, dass die eingeschlagene Richtung stimmt.

Aber wäre die Alternative – nämlich nicht zu entscheiden – besser? Wohl kaum: Stillstand und damit erst recht ein Zustand des Nichtwissens und der Unsicherheit wären die Folge. Konsequenterweise ist daher eine falsche Entscheidung immer besser als gar keine. Aber mit der richtigen Kombination von Vernunft, Logik und Intuition lässt sich das Risiko einer falschen Entscheidung erheblich reduzieren. Wie Wolf Lotter trefflich feststellt, hat Intuition nichts mit Esoterik und Geistheiler zu tun. Dieses Gespür setzt Vernunft voraus. Es beruht auf Erfahrung – und diese gewinnen wir aus richtigen wie falschen Entscheidungen. Damit schließt sich der Kreis.

Vielleicht haben wir in den letzten Jahrzehnten von Frieden und Wohlstand in Europa den Wert der persönlichen Freiheit vergessen. Besinnen wir uns dieser Freiheit und übernehmen wir wieder mehr Verantwortung für unser Tun.

Jammern

Seien wir ehrlich – wohl jeder von uns sah sich schon jammernd durch den Tag laufen. Ich schließe mich dabei gar nicht aus. Gründe lassen sich ja schnell finden, was nicht funktioniert, womit wir nicht zufrieden sind, was uns ganz einfach gegen den Strich geht.

Gemeinsam ist diesen Gründen meist eins: schuld daran sind die anderen. Seien es böse Nachbarn, neidische Kollegen, generell die Politik oder einfach der liebe Gott. Ist doch irgendwie seltsam: kaum jemand jammert über etwas, was er sich selbst zuzuschreiben hat. Dies hat wohl damit zu tun, dass wir bei vielen Problemen beinahe reflexartig zuerst nach einem Schuldigen suchen. Ist dieser erst gefunden, fehlt uns dann meist die Energie, die wahren Ursachen zu hinterfragen, also an die Wurzel des Übels zu gehen.

Jammern hat noch dazu die schlechte Eigenschaft, dass es sehr ansteckend ist. Es verstärkt sich wie von selbst. Ich brauche nur genügend Leute um mich herum zu finden, die mit mir jammern. Ob sie dieselben Gründe zu jammern haben, ist dabei schon wieder nebensächlich. Wichtig ist, einen gemeinsamen Schuldigen auszumachen. Dann kann uns nichts mehr bremsen.

Wenn wir schon so ehrlich mit uns selbst sind – gab es bisher jemals einen Fall, wo uns Jammern wirklich weitergebracht hat? Mich hat diese Jammerei, dieses Nörgeln in letzter Zeit mehr und mehr beschäftigt. Vielleicht auch deswegen, weil ich mich selber genauer beobachtete – und manchmal vor mir selbst erschrak. Diese Momente ließen mich nicht mehr los und stellten mir eine – einzige – bohrende Frage: Was brachte Dir die Jammerei? Die Antwort ist kurz und brutal: nichts. Das Jammern brachte mich keinen Deut weiter. Keinen Millimeter kam ich Lösungen näher. Stattdessen erschöpfte sich meine Energie darin, aus einem kleinen Problem ein großes zu machen und aus einem großen ein echtes Drama. Wahrlich kein leichtes Eingeständnis.

Dieses Eingeständnis mag keinen Raum für Sentimentalität lassen. Aber so soll es auch sein. Jammern hat nämlich nichts mit echter Trauer zu tun. Jammern steht zu einem guten Teil für Bequemlichkeit. Und von der Bequemlichkeit ist es nicht weit zum Stillstand. Diesen kann man nur überwinden, indem man sich bewegt. Ohne Jammern ist dann auch die Energie dafür da.

 

Zufriedenheit

Zufriedenheit ist ein seltsames Wort. Es kommt mir fast schon ein wenig altmodisch vor. Was kann es denn schon bedeuten, zufrieden zu sein, wenn man von allen Seiten hört, es müsse alles besser werden? Zufriedenheit klingt aus dieser Sicht nach Stillstand, ja vielleicht auch Resignation. Man ist zufrieden, es ist schon OK, so wie es ist. Passt schon.

Doch halt – echte Zufriedenheit hat nichts mit Resignieren zu tun. Nichts mit dem im Hinterkopf nagenden Gefühl, dass es vielleicht doch nicht so in Ordnung ist. Zufriedenheit ist ein Gefühl, mit sich selbst im Reinen zu sein. Bei sich selbst angekommen zu sein und dabei nichts zu vermissen. Dieses Gefühl, das ich mit Zufriedenheit meine, braucht keine Bestätigung von außen. Es kommt von innen. Ist die Überzeugung – vielleicht nur für wenige Sekunden -, dass man am richtigen Weg ist. Es ist, als wenn der Blick genau in die Richtung des inneren Kompasses geht und man ganz klar sieht, was gut für einen ist.

Henning von Tresckow, treibende Kraft hinter dem Hitler-Attentat und Weggefährte von Claus Graf von Stauffenberg, hat als eine seiner fünf Lebensgrundsätze dazu sehr trefflich festgehalten:  „Versuche allmählich aus deinem Inneren heraus zu innerer Klarheit und zum Glauben zu kommen, ohne dich durch fortwährendes, überreiztes doch zweckloses Suchen außerhalb deiner selbst aufzureiben.“ Wahre Zufriedenheit ist innere Klarheit. Eine Klarheit, die ich mir selbst geschaffen, ja mitunter über eine lange Zeit hart erarbeitet habe. Und es ist meine ganz persönliche Klarheit, nicht die Meinung anderer.

 

 

Bleibe Dir selber treu

Das Leben ist manchmal seltsam. Man hat gute und schlechte Zeiten – zumindest nimmt man dies so wahr. Was gut und was schlecht ist, entscheidet oft der Augenblick, der aktuelle Moment, das Umfeld. Was gestern gut war, kann heute schlecht sein. Beurteilungen ändern sich, das Leben bleibt. Aber woraus besteht dieses Leben eigentlich? Habe ich darüber jemals wirklich nachgedacht? Oder wurde ich getrieben, wie in einem Fluss einfach mitgerissen, ohne die Ufer links und rechts wahrzunehme?

Die Jahre sind vergangen. Ich wurde erwachsen. Der Fluss hat seine Geschwindigkeit nicht verringert. Nein, er wurde im Gegenteil streckenweise sogar noch schneller. Ich habe dazu wohl auch selbst meinen Teil beigetragen; habe quasi zusätzlich gerudert, um noch schneller voranzukommen. Voranzukommen in die Fließrichtung. Doch immer öfter versuchte ich einen Blick aufs Ufer zu ergattern. Auf ein Ufer, das Ruhe und Sicherheit vermitteln sollte.

Aber dieses vermeintlich sichere Ufer – ist es das wirklich?  Nun wohl in der Mitte meines Lebens angekommen, habe ich eines verstanden: ich kann das Leben so wenig anhalten, wie ich den Fluss stoppen kann. Das Leben läuft weiter – ob ich will oder nicht. Und das sagt mir schon viel: Nämlich, dass Stehenbleiben, Bewahren und Nichtentscheiden keine Optionen sind. Dann spielt das Leben nämlich mit mir, werde ich zum Spielball anderer. Andere treffen Entscheidungen für mich, wenn ich es nicht selbst mache.  Genaugenommen ist es wohl dann auch nicht mehr mein Leben, denn es bedeutet nichts anderes als fremdbestimmt zu sein. Fremdbestimmt in dem Sinne, dass ein anderer mir seine Vorstellung vom Leben überstülpt.

Am Anfang eines selbst bestimmten Lebens steht immer eine Entscheidung. Und Entscheidungen zu treffen heißt nicht nur, gegen etwas zu sein. Nein, es bedeutet vielmehr sich für etwas zu entscheiden. Was leitet mich am besten bei diesen Entscheidungen? Es werden Wissen, Erfahrung und vielleicht auch Ratschläge sein. Aber vor allem wird es eines sein: meine innere Stimme, die mir sagt: Bleibe Dir selber treu.