Wie anders die Welt doch von oben aussieht! Einer meiner ersten Gedanken, als ich vor Jahren meinen ersten Schnuppermitflug mit einer kleinen Propeller-Maschine machte. Was vom Boden vertraut sein mag, erschien aus ganz anderer Perspektive neu und fremd. Es dauerte, bis ich markante Orientierungspunkte wie eine bekannte Autobahn fand.
Während meiner Ausbildung zum Privatpiloten kämpfte ich danach regelmäßig mit meiner sogenannten Nahfeldorientierung. Doch mit jedem Flug wurde mir die Umgebung um den Flugplatz vertrauter, auch wenn ich mir Ortsnamen kaum merken konnte. Wenn ich heute fliege, gehört mein iPad zur Standardausrüstung. Das GPS-System gibt mir Lage, Richtung und ein Gefühl der Sicherheit. Unabdingbar bleibt im Sichtflug dabei aber der kontinuierliche Abgleich mit der Landschaft draussen, gleichsam der Realitätscheck. Erst wenn Fiktion und Realität übereinstimmen, kann ich wirklich sicher sein, wo ich bin.
Es ist naheliegend zu fragen, was ich ohne GPS wohl machen würde. In mir bekannten Gegenden würde ich nach vertrauten Landschaftsmerkmalen wie Strassen, Flüsse oder Städte suchen und mich daran orientieren. Wahrscheinlich würde ich dann auch ohne physische Karte den Weg nach Hause finden. In unbekannten Gefilden wäre es wohl ähnlich. Ich würde nach Auto- oder Eisenbahnen, Flüssen, Seen oder markanten Bergen Ausschau halten. Ohne Papierkarte wäre es dann aber schon sehr schwer bis unmöglich, alleine ohne Flugsicherungsdienst eine Entscheidung zum richtigen Weiterflug zu treffen. Gemeinsam ist aber beiden Situationen – egal ob bekanntes Gebiet oder Neuland -, dass ich die Flughöhe erhöhen würde: Ich würde höher steigen, um einen besseren Überblick zu bekommen. Mich lösen von der Erde, um Abstand und weite Sicht zu gewinnen.
Mir scheint, dass es auch im Leben abseits der Fliegerei immer wieder Situationen gibt, in denen wir höher steigen sollten, uns in die Vogelperspektive begeben müssen und weite und freie Sicht benötigen. Die Hindernisse am Boden erscheinen kleiner, auch wenn sie das in der Realität nicht sind. Es hat sich nur unsere Perspektive darauf geändert. Vielleicht können wir Relationen aus der Ferne und einem anderen Blickwinkel anders und besser einordnen. Wir erkennen mitunter Zusammenhänge, die wir aus zu großer Nähe nicht sehen konnten. Die Höhe ermöglicht uns neue Orientierung. Wir finden im vertrauten Umfeld Anhaltspunkte, die uns ein Gefühl der Sicherheit geben. Und in neuem unbekannten Terrain haben wir noch etwas, das uns hilft. Es ist unser Kompass, der in der Höhe nicht von störenden Einflüssen und Hindernissen abgelenkt wird. Hier oben funktioniert er ungehindert. Wenn Du am Boden nichts Bekanntes mehr zur Orientierung findest, dann vertraue auf Deinen (inneren) Kompass. Im wirklichen Leben (fast) wie im Flugzeug.
Sehr feine Gedanken aus einer anderen Perspektive, wo ich erkennen kann, das jemand seinen Platz gefunden hat.
Ein ausserordentlich gutes und zufriedenes neues Jahr schicke ich auf diesem Weg nach Wien.
Herzlich grüßt
Klaus Bernhard
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